Wenn man über Rroma spricht oder liest, kommen immer wieder Klischees und „Wahrheiten“ zum Vorschein die eigentlich wenig mit der Realität zu tun haben. Diese Argumentarium stellt die häufigsten dieser Aussagen und Fragen dar.
Warum Rroma mit zwei „R“? Man kann eigentlich Rroma mit einem oder zwei R schreiben. In manchen Rroma Dialekten ist die Aussprache eher mit „Rr“ als mit „R“. Ursprünglich war dieses „Rr“ das retroflexive D in Sanskrit. Dieses D änderte sich phonetisch zum R in Rromanes. Also mit einen oder zwei „R“, beide Varianten sind korrekt.
Sinti und Roma. Vor allem im deutschsprachigen Raum werden Rroma „Sinti und Rroma“ benannt. Es ist genau so wie wenn man sagen würde „Basler und Schweizer“ oder „Londoner und Engländer“, da Sinti Rroma sind. Fragt man ein Sinto welche Sprache er spricht, wird er häufig sagen „Rromanes“. Fragt man ihm wie er seine Frau nennt, so sagt er bestimmt meine „Rromni“. Sinti in Polen nennen sich Deutsche Rroma (Sasytke Roma). Der Name Sinti ist erst im 19. Jahrhundert erschienen. Vorher bezeichneten sich die Sinti als Kale, genau so wie die Spanischen und Finnischen Rroma. Sinti und Roma ist nach dem zweiten Weltkrieg populär geworden. Mit der Einwanderung von Rroma aus Osteuropa in Deutschland, haben sich die Sinti, die „lokalen“ Rroma von den neu eingewanderten ausländischen Rroma abgegrenzt.
Wie viele Rroma gibt es? Es gibt zwischen 8 und 12 Millionen Rroma. Da es keinen zuverlässigen Statistiken gibt, und da viele Rroma bevorzugen, sich nicht als solche zu deklarieren, ist es schwierig genauere Zahlen zu geben. In Westeuropa gibt es keine ethnisch basierenden Statistiken, und in Osteuropa, wo diese die Norm waren, sind sie nicht zuverlässig.
Sind Rroma Fahrende? Nein. Nur ein Bruchteil der Rroma Bevölkerung war je „Fahrend“. In den Balkan haben sich Rroma sofort niederlassen. Nur in West- und Nordeuropa mussten die Rroma fahren, da ihnen verboten wurde, sich zu etablieren.
Sind Rroma Nomaden? Nein, sogar die wenigen Fahrende Rroma haben immer ein Haus. Sie reisten wegen ihre Arbeiten, als Pferdehändler, Kupferschmied usw. von Dorf zu Dorf, aber haben ihr Haus immer behalten.
Sind alle Fahrende Rroma? Nein, es gibt viele Fahrende in Europa die keine Rroma sind. Zum Beispiel die Jenischen im deutschsprachigen Raum, die Tinkers in Irland. Man vergisst oft, dass viele Leuten in Europa von Ort zu Ort um Arbeit zu suchen gereist sind. Manche dieser Personen sind die Ahnen der heutigen Fahrende in Europa.
Alle Rroma stehlen und betteln. Ein Klassiker in Westeuropa! Wenn alle Rroma in Europa tatsächlich nur betteln und stehlen würden wäre das mehr als sichtbar: Acht bis zwölf Millionen Diebe... Man kann nicht verneinen, dass manch betteln und stehlen. Es sind die, die man am meisten sieht, die die Presse immer zeigt. Alle anderen Rroma werden dann im gleichen Topf geworfen, egal ob wahr oder nicht. Es ist ein ähnliche Aussage wie z. B. „Alle Deutsche sind Nazis“, oder „Alle Engländer sind Rowdies und besoffene“ oder „Alle Italiener sind Mafiosi“. We würde sich trauen eine solche Aussage zu machen?
Rroma sind dreckig. Die üblichen Bilder von Ghettos, von fast nackten Kindern, die im Dreck laufen usw. haben zu diesem Bild beigetragen. Eigentlich ist das Gegenteil die Norm. Sauberkeit ist das oberste Gebot unter Rroma, und sogar in den schrecklichsten „Favellas“ kann man fast auf dem Boden essen in den meisten Rroma Häuser.
Rroma stehlen Kinder. Man hat das im Mittelalter auch von den Juden gesagt. Aber genau so wie bei den Juden bevorzugen die Rroma ihre Kinder selbst zu machen. Diese Aussage ist vielleicht entstanden, weil nicht alle Rroma dunkel mit schwarzen Augen und Haaren sind.
Rroma haben viele Kinder. Ihre Bevölkerung wächst sehr schnell. Die typische Rroma Familie hat nicht mehr Kinder als die generelle Bevölkerung. Klar, es gibt auch grosse Familien, mit 5 oder 6 Kinder, aber das ist weitaus nicht die Norm. In Orten wie zum Beispiel Bulgarien, Mazedonien, Kosovo, wo man zuverlässige Statistiken seit dem 16. Jahrhundert hat, ist der Rroma Anteil der gesamten Bevölkerung konstant geblieben. Sie haben immer zwischen 10 und 15% der Bevölkerung dieser Länder gebildet. In gewissen Orten, wie Slowakei, Ungarn oder Rumänien sind Rroma ein bisschen hinten nach, und haben effektiv mehr Kinder als die generelle Bevölkerung. Es hat mehr mit ihre soziale Lage als mit eine Rroma „Eigenschaft“ zu tun.
Rroma haben sich und wollten sich nie integrieren. Falsch! In den ganzen Balkan waren Rroma gut integriert. So gut, dass sie in manchen Orte die Bourgeoisie bildeten. Sie hatte seit eh und je Arbeiten die vom Bauer, Rechtsanwalt, Richter, Polizist, Bäcker, Lehrer, sowie Handwerker usw. seit es dort Archiven in diesen Regionen gibt. So, überall wo die Möglichkeit bestand, haben sich Rroma integriert und ihre Kultur beibehalten. Nur in Orte wo sie ausgegrenzt worden sind, wo es Assimilationsversuche gab, also in Westeropa, in Rumänien (mit der Sklaverei), oder im Österreich-Ungarn konnten sie sich nicht integreren. Nicht weil sie es nicht wollten, aber wegen den Gesetzen und Verbote die Rroma zur Randgruppe drängten.
Falls man integriert ist, kann man noch ein Rrom sein? Integriert bedeutet nicht dass man seine Kultur und Identität verlieren muss. Seit den 19. Jahrhundert in Europe, gibt es eine Tendenz in Land mit einer Sprache, Kultur und ethnische Zugehörigkeit zu verbinden, Europa war nie so davor. Und es gibt Minderheiten in Europa. Man kann also integriert sein, ein „normales“ Leben führen, aber eben eine andere Sprache zuhause sprechen. Würde irgend jemand dieselbe Frage über Juden stellen?
Rroma können weder lesen noch schreiben, die haben keine Ausbildung. Als Rrom wird man so oft mit der Frage „können si lesen und schreiben“ konfrontiert, dass es einem fast peinlich wird. Fakt ist, dass ca. 10% der Rroma studiert haben. Es ist zwar nicht genug, aber eigentlich besser als viele Länder in Europa. Ausbildung ist einer der grössten Problem für Rroma heute. In einigen Ländern, meisten in ehemalige kommunistische Staaten, wurden und werden immer Rroma in spezial Schulen, Schulen für geistig behinderte, geschickt, und wurden somit wissentlich jede Ausbildung verweigert.
Rroma sind keine Europäer. Es sind Ausländer. Falsch! Rroma sind zwar indischer Abstammung, also nicht Europäisch, aber die Slawen kamen vom Altai im 5. Jahrhundert, die Magyar im 9. Von Zentralasien, die Deutschen vom Norden im 3., usw. Fast alle Europäer sind von nicht europäischer Abstammung! Faktum ist, Rroma sind eine transnationale Europäische Minderheit. Rroma sind Europäer, und waren immer. Ihre Identität und Kultur ist in Europa entstanden, und während langer Zeit gab keine Rroma ausserhalb Europa. Nach zwölfhundert Jahren in Europa, wer kann sagen, sie seien es nicht?
Das Rroma „Problem“ ist in soziales Problem. Diese Aussage ist in der Zwischenzeit üblich in mehreren Ländern. Anstatt einen Minderheitsproblem anzuerkennen, ist es vielen Regierungen und leider auch NGOs lieber die Rroma als soziales Problem zu betrachten. Die Begründungen sind einfach: Tiefes Ausbildungsniveau, hohe Arbeitslosigkeit, Armmut, Kriminalität usw. Warum dies leider die Norm ist, wird dabei vergessen: Diskriminierung, Vorurteile, Zwangsassimilierung, usw.
Mit der Öffnung der Grenzen in der EU werden viele Rroma nach Westeuropa kommen. Es ist ein Lieblingsthema von populistischen Politikern in Europa wie z. B. in Italien, Schweiz, Frankreich. Diese Aussage ist aber nur eine Aussage die auf keinerlei Tatsachen beruht.
§ Ungarn, Slowakei und Tschechen sind bereits seit mehreren Jahren EU Mitglieder und konnten viel früher noch ohne Visa nach Westeuropa reisen. In diesen drei Ländern leben mehr als 1.5 Millionen Rroma. Die sind nie nach Westuropa abgereist.
§ Die Bulgaren und die Rumäner können seit 2002 ohne Visa nach Westeuropa reisen. Es bedeutet, dass die Rroma dieser Länder hätten bereits vor mehreren Jahren hierher kommen können. Sind sie? Mit Ausnahme von ein Paar, sind keine wirklich gekommen.
§ Sie haben Häuser in diesen Ländern. Die bleiben also. Es gibt h¨chstens ein oder zwei Familienmitglieder die es versuchen, ein Arbeit in eines der reicheren Gegend Europas zu finden, um ihre Familie zu unterstützen. Ihre Familien leben meisten besser zu Hause, da wo die sind.
§ Diese Länder erleben einen wirtschaftlichen Boom. Rumänien vor allem, wächst rasant. Es gibt mehr Möglichkeiten dort als es je in Westeuropa geben wird. Man kann es eigentlich in den Zahlen von Osteuropäer, die nach mehreren Jahren in Länder wie England oder Irland zurück in ihre Heimat gehen.
§ Rroma sind nicht „mobiler“ als die generelle Bevölkerung. Sie folgen den generellen Trend. Falls es also Emigranten eines Staates irrgendwo gibt, gibt es darunter auch Rroma, prozentual nicht mehr und nicht weniger als zu Hause. Gibt es im Lande 10% Rroma, es wird auch 10% Rroma unter den Emigranten dieses Landes geben. Es war immer so und bleibt so heute.
§ Als Konsequenz davon, dass Rroma nicht mobiler sind als die generelle Bevölkerung, kann man sagen dass falls 3 Millionen Rroma aus Bulgarien und Rumänien hierher kommen, dann sind auch alle Rumänen und Bulgaren ausgewandert.