Bilateralen Abkommen und Rroma

     I. Fahrende und Schweizerische  Vorurteile

Wenn man über Rroma spricht, vor allem im deutschsprachigem Raum, so kommen sofort die Klischees der Fahrenden, bettelnden, gar stehlenden Zigeuner zum Vorschein. Zu diesen Urklischees sind weitere Bilder in den meisten Köpfe vorhanden: extreme Armut, viele Kinder, Schmutz, keine Perspektiven, Lager, die wie die übelsten Favellas aussehen sowie Aussichtlosigkeit.

Die Presse hat in letzter Zeit diese Klischees hochgespielt. Nachrichten aus Italien, mit „Zigeunerlagern“ rund um die grössten Städten des Landes, Millionen Rroma aus den neuen EU Länder, die nur darauf warten, um in die Schweiz und generell in den Westen zu gelangen, gehen um die Welt.

Unterschwellig wird hier auf folgende Argumentation gezielt gespielt: Einerseits seien die Rroma Fahrende und im eigenen Land nicht integriert. Somit seien sie auch nicht mit ihrem Land verbunden. Schliesslich werden sie grundsätzlich als Ausländer betrachtet, egal wo sie sich befinden.

Stimmen diese Bilder? Stimmt diese Argumentation? Werden von der Presse und von den Medien generell, aber auch von vielen NGOs ein falsches Bild wiedergegeben? Dient das Thema Rroma, um politischen Zwecke voranzutreiben?

Ziel dieses Positionspapiers ist, Tatsachen klar zu stellen und die Vorurteile und Unwahrheiten von diesen zu trennen. Denn die einzige Tatsache, die bisher die Medien richtig wieder gegeben haben, ist, dass es acht bis zwölf Millionen Rroma in Europa gibt.

    II. Die Tatsachen

1. Europäer

Rroma sind eine transnationale europäische Minderheit. Eigentlich sind die Rroma fast die Einzige, die es noch in Europa gibt.[1] Wie können Rroma eigentlich Europäer sein? Denn viele wissen bereits, dass sie aus Indien stammen. Also können sie nicht wirklich Europäer sein, oder?

Die meisten Leute vergessen oder wissen wenig über die eigentliche europäische Geschichte. Europa war ein Land von Einwanderer und diese haben eigentlich die europäische Kultur geschaffen. Die Alten Griechen waren bereits Einwanderer aus dem Norden. Viel später kamen die Germanen (Wisigothen, Ostrogothen, Vandalen) aber auch die Lungobarden, die in Norditalien die Lombardei gründeten, die Franken (Nord Frankreich), die Anglen und Sachsen; die Hunen; die Slawen (ab den 5. bis 8. Jahrhundert), die einen Grossteil des Balkans, aber auch vorerst Germanische Regionen eroberten; die Bulgaren, die im 7. Jahrhundert in den Balkan eingedrungen sind; die Wikinger (Frankreich und England), die Araber, vor allem in Spanien, die sogar bis in die Schweiz eingedrungen sind; die Magyaren (Ungaren) im 10. Jahrhundert; und danach auch die Türken. Keiner dieser Einwanderer kam aus dem damaligen Europa. Mit Ausnahme der Araber und Türken, die man heute als nicht europäisch betrachtet, sind alle diese Einwanderer Teil Europas, dessen Kultur und Geschichte.

Vor den Magyaren kamen auch die Rroma in den europäischen Teil des byzantinischen Reiches (9-10 Jahrhundert) höchstwahrscheinlich zusammen mit Armenier, als die Byzantiner, einen Grossteil der Armenier nach Thrakien (im heutigen Bulgarien) umsiedelten.

Es gibt eigentlich keine Rroma ausserhalb Europas. Diejenige, die heute ausserhalb Europas leben, wurden entweder in den Kolonien (vor allem nach Amerika) verbannt, oder sind nach dem zweiten Weltkrieg ausgewandert. Es gibt andere Völker, die mit den Rroma verwandt sind, wie zum Beispiel die Domari im Nahen Osten, oder andere, die auch ursprünglich aus Indien ausgewandert sind (Kurden). „Zigeuner“ in Indien oder anderswo gibt es eigentlich nicht. Es gibt höchstens Völker, die so leben, wie es sich die meisten Leuten vorstellen, wie Rroma leben (Fahrende, Musiker, usw.).

2. Fahrende

Rroma sind keine Fahrende. Das waren sie nie und sind es immer noch nicht. Diese Aussage geht gegen alle Bilder, die man mit Rroma assoziiert und muss deshalb genauer begründet werden.

Rroma sind aus Indien gekommen und haben sich danach durch ganz Europa verbreitet. Also müssen sie wohl „gefahren“ sein. Klar sind sie gefahren, und zwar von Indien über Iran bis in den Armenischen  Raum. Danach wurden sie nach Europa im Byzantinischen Reich deportiert und haben sich dort verbreitet, ohne je nomadisierend gelebt zu haben. Diese Migration war entweder eine Folge von Eroberungen, dass heisst, man hat sich in neue Provinzen des eigenen Landes niedergelassen, oder Flucht vor Eroberer, besonders in der letzten wirklichen Migration von Rroma mit der Ankunft der Türken im Balkan.

Es gibt Rroma in Wohnwagen, heute oft von schönen Mercedes gezogen. Die sieht man ja überall. Die wirkliche Frage stellt man sich aber selten. Sind diese fahrende Rroma eigentlich repräsentativ für die Rroma Bevölkerung? Würden 10% der Rroma Bevölkerung fahrend sein, so wären es über eine Million Personen, die durch Europa regelmässig fahren würden. Diese Gruppe würde man sicher viel mehr sehen. Sie wären aber schliesslich auch nicht repräsentativ, denn es wäre trotzdem eine Minderheit unter Rroma. Die eigentliche Zahl der Fahrende ist aber viel kleiner, eher in der Höhe von 1 bis 3% maximal.

Klar sind sie nicht mehr fahrend, sie wurden ja sesshaft gemacht. Diese Aussage ist immer wieder zu hören. Rroma wären gezwungen worden, sich niederzulassen, also sesshaft zu sein. Wenn man aber darüber nachdenkt, sieht das Bild anders aus. Rroma sind nur aus zwei Gründen gefahren: Entweder wegen der Arbeit oder weil man ihnen nie erlaubt hat, sich niederzulassen. Traditionell gibt es nur wenige Gruppen von Rroma, wie die Kalderasha, ursprünglich aus Rumänien, die Sinti und Manouches, die Rroma in Polen und Russland, die aus England und Skandinavien, sowie eine ganz geringe Anzahl aus dem Balkan, die je gefahren sind. Die meisten fuhren wegen ihre Arbeit, entweder als Pferdehändler oder als Kupferschmiede. Traditionell hatten sie immer ein Haus, wo man im Winter geblieben ist. Sie sind nur im Sommer gereist. Eigentlich genau so wie jeder Geschäftsmann, der die Woche unterwegs ist und am Wochenende zu Hause weilt. Nur in Westeuropa, vor allem in Deutschland, Frankreich und England durften die Rroma sich nicht niederlassen und haben so das westliche Bild des „Zigeuners“ stark geprägt. Dass sie nie gefahren sind, ist von Archiven und Dokumente belegt: In Ungarn, im Osmanischen Reich, wo die Steuerregister weniger als 0.05% Fahrende Rroma gezählt worden sind, usw.[2]

Aber es gibt ja doch Messerschleifer, Kesselflicker usw. Ja, aber diese, wie die Jenische in der Schweiz, sind meistens keine Rroma. Es handelt sich hier vielfach um „Einheimische“ (Jenische, Tinkers aus Irland),  die wegen ihre Arbeit seit dem späten Mittelalter gefahren sind. Aufgrund der Vorurteile gegenüber „Zigeuner“ wurden sie auch dann auch als Zigeuner bezeichnet.

Tatsache ist, die grosse Mehrheit der Rroma ist nie fahrend gewesen, wurde auch nicht „sesshaft“ gemacht. Sie sind sesshaft, genau so wie der Rest der europäischen  Bevölkerung, und sind genau so stolz wie jeder Schweizer über ihre Heimat und Herkunft.

3. Integration

Rroma haben sich nie integriert. Diese Aussage hört man immer wieder. Sie sind „schwer integrierbar“, wollen sich „nicht anpassen“, usw. Diese Aussagen sind oft, zumindest in der Presse und Medien durch Bilder von armen Rroma in Ghettos untermalt. Fazit ist aber, dass in den Länder, wo sie mindestens toleriert worden sind, sie sich auch vollständig integriert haben. Beste Beispiele dafür war der Kosovo vor dem Krieg, Bulgarien und generell der Balkan. Da wo sie ausgeschlossen wurden, da wo man Versuche der Zwangsassimilierung gemacht hat, dort hat man eben nicht integrierte Rroma erzeugt. Beste Beispiele dafür sind die Länder des ehemaligem K&K: Slowakei, Tschechei, Ungarn und Österreich.

Sie waren immer nur am Rande der Gesellschaft tätig und hatten nie wirkliche Berufe. Dieser Vorwurf ist auch üblich. Aber Rroma hatten immer etablierte Berufe. Und nicht diejenige die man üblicherweise mit „Zigeunern“ assoziiert. Sie waren seit eh und je auch Bauern, Grossgrundbesitzer, Richter, Polizisten, Ärzte, Professoren, Beamten, Fabrikarbeiter, hatten auch aber jegliche artisanale Berufe, eigentlich, eine Reflektion der Gesellschaft eher als eine Randgruppe.[3] Eine Zeitlang waren sie die begehrtesten Fachleuten: Sie schmiedeten die Kanonen, um sich vor den Türken zu verteidigen oder um den Westen zu erobern.[4] Rroma sind und waren nie am Rande der Gesellschaft, sie waren immer Teil der Gesellschaft. Ohne die „anderen“ können und wollen Rroma nicht leben.

Falls man integriert ist, ist man dann noch ein Rrom? Integriert bedeutet nicht, dass man seine Kultur und Identität verlieren muss. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es in Europa eine Tendenz, ein Land mit einer Sprache, Kultur und ethnische Zugehörigkeit zu verbinden. Europa war jedoch davor nie so zusammengesetzt, und bis heute gibt es überall Minderheiten. Man kann also integriert sein, ein „normales“ Leben führen und zuhause eine andere Sprache sprechen. Rroma, besonders diejenige, die gut integriert sind und nicht auffallen, haben ihre Identität und Kultur behalten. Viele unter ihnen leben also zu Hause sehr tradtionell, sprechen die eigene Sprache, und sind trotzdem in der Gesellschaft integriert. Rrom zu sein bedeutet nicht so zu leben, wie sich die Allgemeinheit vorstellt,  wie „Zigeuner“ leben. Würde irgendjemand dieselbe Frage über Juden stellen?

4. Statistiken

Die meisten Aussagen über Rroma stützen sich angeblich über „genaue“ Statistiken. Diese werden von zahlreichen Regierungen, Behörden, leider auch NGOs wie die UNO, massgeblich unterstützt und verbreitet. Ergo müssen diese stimmen.. Darunter liest man oft, dass die Mehrheit der Rroma Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, dass sie wenig, falls überhaupt, zur Schule gehen, dass sie weniger lange als der Rest der Bevölkerung leben, mehr Kinder haben, usw. Diese Statistiken werden oft zitiert, vor allem dann, wenn es darum geht, das vorgegebene Bild des „Zigeuners“ zu verbreiten.

Aber, wer Prozentsatz rechnen kann, sollte die Anzahl der Rroma-Bevölkerung genauer kennen. Und da gibt es ein eindeutiges Problem in den Statistiken: Volkszählungen bei der Rroma-Bevölkerung gibt es nämlich nicht. In Westeuropa sind einerseits solche, auf ethnischen Grundlagen basierende Volkszählungen,  seit spätestens der Nazizeit verpönt und verboten. In vielen osteuropäischen Ländern anderseits, wurde gezielt die Anzahl Rroma sowie auch andere Minderheiten absichtlich runtergeschraubt. Laut offiziellen Zahlen in Rumänien sollen angeblich heute 408,000 Rroma leben, also mit 2 % weniger als in der Volkszählung von 1991.[5] Dies bedeutet, dass sich der Anteil der Rroma seit der Befreiung der Sklaven von 1865, stark verringert habe.[6] In Tat und Wahrheit gibt es heute wahrscheinlich zwischen 2.5 und 3 Millionen Rroma in Rumänien.

Währenddessen soll es in Polen seit 1945 immer nur 45,000 Rroma gegeben haben. In Ungarn schliesslich, wo sich sogar Rroma registrieren können, um an der Rroma „Autonomie“ teilhaben zu können,[7] sind die offiziellen Zahlen bei ca. 189,000 oder ca. 1.9% der Bevölkerung beziffert.[8]  Die Regierung selbst spricht von 400,000 bis 600,000 Rroma im Land[9] und die meisten Experten gehen von ca. 10% der Ungarischen Bevölkerung aus.

Ein weiteres Beispiel zeigt eine Statistik über Analphabetismus in Rumänien. Würde man die Zahl von 400,000 Rroma in Rumänien nehmen, die weder lesen und schreiben können, so sind es laut offiziellen Angaben 95% der Rroma Bevölkerung. Schaut man jedoch die inoffiziellen Zahlen an, so verringert sich dieser Prozentsatz auf 20%, zwar immer noch hoch genug, aber gemessen am Rest der Bevölkerung gesehen, ist dies der Durchschnitt.

Tatsache ist, alle Statistiken der Regierungen sind mit Vorsicht zu geniessen. Da die eigentlichen Zahlen, dass heisst die wirkliche Anzahl der Rroma im Lande nicht bekannt ist, gibt es in dieser Hinsicht keine zuverlässige Quelle oder Statistik deren man wirklich glauben schenken kann. Andere Faktoren können da auch noch eine Rolle spielen, wie beispielsweise in Ungarn, wo scheinbar 70 bis 80% der inhaftierten Kriminelle, Rroma seien.[10] Dieses Resultat weist auf eine effektive Diskriminierung hin, ähnlich wie in der USA, wo Afro-Americaner erheblich mehr in den Gefängnissen sitzen als die weisse Bevölkerungschicht.

5. Bevölkerung

Wie viele Rroma gibt es überhaupt? Es gibt rund 8 bis 12 Millionen Rroma in Europa. Genaue Zahlen kann man nicht nennen. In Westeuropa, werden seit den Nazis keine Volkszählungen aufgrund der Ethnie oder Religion geführt. In Osteuropa, wurden diese Volkszählungen jahrelang aus politischen Gründen abgeändert, oft um die Anzahl der Minderheiten im eigenen Land runterzuspielen. Obwohl in allen kommunistischen Länder die „Nationalität“ explizit erwähnt worden ist, wie zum Beispiel, „Jude“, „Moslem“, „Zigeuner“, aber auch „Neger“, usw.[11], war diese nicht wirklich informativ. Viele Rroma sind einfach als Russen, Serben, Albaner usw. registriert worden. Zählt man die offiziellen Zahlen zusammen, so kommt man auf höchstens vier Millionen Rroma in Europa. Die anderen Zahlen sind Schätzungen.

Wie weiss man eigentlich wie viele es genau sind? Wie kommt man auf solchen Schätzungen? Einerseits gibt es Schätzungen von NGOs oder sogar Regierungen, die relativ genau sind, anderseits kann man sich auf Daten stützen, die anfangs des 20. Jahrhundert oder früher bekannt waren. Als Beispiel einer solchen Schätzung kann man Bulgarien nehmen. Anfang des 20. Jahrhundert, gab es ca. 100,000 Rroma und ca. eine Million Bulgaren. Heute leben mehr als 7 Millionen Menschen in diesem Land, was eine Schätzung von über 700,000 Rroma geben würde, die so nahe bei den meisten offiziellen Schätzungen ist. Rumänien ist ein anderes Beispiel. Es wurden mehr Rroma von der Sklaverei im Jahre 1865 befreit, als es nach offiziellen Angaben heute gibt. Die allgemeine Bevölkerung hat sich in der Zwischenzeit vervielfacht.

Man sagt immer, Rroma hätten mehr Kinder, ihre Bevölkerung wachse rasant. Die typische Rroma Familie hat nicht mehr Kinder als der Rest der Bevölkerung. Klar, es gibt auch grosse Familien, mit 5 oder 6 Kindern, aber das ist weitaus nicht die Norm. In den Orten wie zum Beispiel in Bulgarien, Mazedonien, dem Kosovo, wo es ziemlich zuverlässige Statistiken seit dem 16. Jahrhundert hat, ist der Rroma Anteil der gesamten Bevölkerung konstant geblieben. Sie haben immer zwischen 10 und 15% der Bevölkerung in diesen Ländern gebildet. Dies bedeutet, dass die Rroma Bevölkerung nicht schneller oder langsamer als den Rest der Bevölkerung gewachsen ist.

In gewissen Orten, wie der Slowakei, Ungarn oder Rumänien, hinken die Rroma tatsächlich ein wenig hinten nach. So haben sie effektiv mehr Kinder als der Rest der Bevölkerung. Dies hat jedoch mehr mit ihrer sozialen Lage zu tun und ist vor allem auf die Sozialhilfe zurückzuführen,[12]  und nicht auf die ethnische Zugehörigkeit. Da es zudem in diesen Länder vielfach eine negative Wachstumsrate hat, wächst auch der Anteil der Rroma überproportional im Lande.

6. Armut

Rroma sind arm. Sie leiden unter chronischen Armut. Ja, die die man sieht tendieren arm zu sein, sogar sehr arm. Sie klagen über Arbeitslosigkeit usw. Das Bild ist in jeder Zeitung und immer wieder am Fernsehen zu sehen. Leider rationalisieren NGOs leicht das „Rromaproblem“ als ein soziales Problem. Wieder kommen Statistiken zum Vorschein: hohe Arbeitslosigkeit oft bis zu 90%, Abhängigkeit von sozialen Leistungen, usw. Wieder täuschen aber diese Statistiken, weil sie eben nur in den wenigen Fällen, alle Rroma eines Land oder Region einbeziehen. Und je nach Region sind die Fakten ganz anders.

Regionale Faktoren und Vergleich mit der allgemeine Bevölkerung: In Ungarn und Slowakei ist die Mehrheit der Rroma arbeitslos, vor allem auf dem Lande. Ähnliche Situationen, wenn auch nicht so aussichtslos, findet man in Rumänien. In anderen Ländern ist das Bild oft differenzierter. Was man aber auch schnell vergisst, wenn man sich „nur“ um Rroma kümmert, ist den Vergleich mit dem Rest der Bevölkerung vor Ort. Da sind die Zahlen meistens auch hoch, vor allem im ländlichen Gebieten. wo die meisten Kolchosen zugemacht worden sind.

Man vergisst oft die Ursachen der Armut und Arbeitslosigkeit: In vielen Orten sind sowohl Armut wie Arbeitslosigkeit eine von den Regierungen gemachtes Problem.  Der Ausschluss der Rroma (siehe nächsten Absatz) ist oft das Resultat der Politik des Landes.

7. Ausländer im Eigenem Land

Die Idee des Staates wie wir es heutzutage kennen, ist das Resultat von Ideen des 18. Jahrhunderts und der französischen Revolution. Im 19. und 20. Jahrhundert hat der extreme Nationalismus die Kreation von Nationalstaaten vorangetrieben. Vorher war die Idee der Nation weder durch ethnische noch kulturelle Eigenschaften bestimmt. Heutzutage gibt es eigentlich nur ein Staat, die Schweiz, der auf kulturelle Vielfalt immer noch gebaut ist.

Wichtig zu verstehen ist, dass in einem Staat, der durch solche eindimensionale Kriterien organisiert ist, Minderheiten grundsätzlich keinen Platz haben. Das wurde im Zweiten Weltkrieg leider bewiesen, aber auch in Staaten, die nach dem Zerfall Jugoslawien entstanden sind. Im 20. Jahrhundert bestimmte immer noch die Ära vom Slogan „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“.

Das Konzept der Integration ist leider bis heute immer noch nicht verstanden worden. Für die meisten bedeutet immer noch Integration, seine eigene Kultur aufzugeben. Das ist jedoch Assimilation. Integration heisst zu tolerieren, dass Leute im selben Land unterschiedliche Sprachen sprechen und andere Sitten haben können.

Als Konsequenz dieser gefährlichen Entwicklungen, vor allem auch, seitdem sich viele ehemalige kommunistische Politiker zum Nationalismus konvertiert haben, gibt es immer weniger Platz für Rroma in eigenem Land.

Es ist kein neues Phänomen. Diese Politik wurde bereits im 18. Jahrhundert im Österreichischen Reich geführt. Gezielt wurden Rroma ausgegrenzt, Rroma, die wohlbemerkt gut integriert lebten, wurden durch die damligen Staatsgewalt in „Osadas“, Siedlungen am Rande des Dörfer vertrieben. Als Resultat dieser Aktionen gab es vor dem Zweiten Weltkrieg in der Slowakei über 30,000 solche Siedlungen. Diese wurden später von den Kommunisten zu 3,000 Siedlungen „rationalisiert“, dass heisst de facto Ghettos gemacht.[13]

Man ist sich mehr oder wenig bewusst, dass gewisse Staaten wie Holland oder Frankreich, ihre „einheimischen“ Rroma Bevölkerung bereits im 18. Jahrhundert ausgemerzt hatten und dass Deutschland, aber auch andere Länder wie Kroatien, diese Volksgruppe im Zweiten Weltkrieg vernichtet hatte. Ebenso sind heute die ethnischen Säuberungen in  Bosnien und im Kosovo bekannt. Daraus könnte man nun schliessen, dass sich die Rroma generell nicht mit dem eigenen Staat identifizieren.

Rroma sind aber sehr stolze Bürger ihres Staates. Trotz Ausgrenzung und Diskriminierung sind die meisten Rroma immer noch stolz darauf, Staatsbürger von Rumänien, Polen, Serbien usw. zu sein. Es ist hier fest zu stellen, dass der Ausschluss nicht von den Rroma selber kommt, sondern vielfach von der generellen Bevölkerung.

8. Migration

Man hört und liest immer wieder über Tausende Rroma Einwanderer,  so wie kürzlich in Italien, wo man sogar Zahlen von über eine Million rumänische Rroma in der Boulevard Presse lesen konnte. Diese unsorgfältge Aussagen von den Medien wurden auch von Politikern übernommen. In der Schweiz wurden beispielsweise Argumente veröffentlicht, dass bald drei Millionen Rroma aus Rumänien und Bulgarien in das Land einreisen würden.

Rroma sind keine Migranten. Sie folgen eher die Bewegungen der örtlichen Bevölkerung. Durch ihre ganze Geschichte, aber auch jetzt, hat sich gezeigt, dass sie eher nicht zu die ersten zählen, die in ein anderes Land ziehen. Sie folgen die Bewegungen der anderen, und Ihre Anzahl ist meistens proportional zum Anteil der Bevölkerung im Lande zu sehen. Wenn also 500,000 Menschen in einer Region des Balkans leben, ist es anzunehmen, dass es darunter 10% Rroma hat, nicht mehr und nicht weniger.

Zahlen aus der Presse und die Realität: Herr Berlusconi hatte in Italien eine Zählung der Rroma Einwanderer in Italien angeordnet. Eine solche Initiative sagt viel aus, denn es ist das erste Mal, dass in Westeuropa  aufgrund der Ethnie eine Zählung in dieser Art durchgeführt wird. Die Ergebnisse: Es wurden ca. 12,000 Rroma gezählt, die in den Lagern rund um die grössten Städten Italiens leben.[14] Sollte diese fragwürdige Zählung auch nur die Hälfte der anwesende Rroma angeben, ist man immer noch sehr weit von den Zahlen, die in der Presse verbreitet worden sind.

Tatsache: In Italien gibt es über eine Million Rumänen. Die Anzahl Rroma ist aber eher klein.

Fahrendes Bild... Durch das Bild des fahrenden Zigeuners, werden gezielt Ängste geschürt. Dass diese kein Bezug auf Realität haben, ist eigentlich, wenn man bedenkt klar. Rroma sind nicht mobiler, sind nicht weniger an ihren Häusern und ihrem Land oder Heimat gebunden wie der Rest der Bevölkerung. Diejenige, die ihr Land verlassen haben entweder Geld oder eine Ausbildung, genau wie bei den anderen auch. Bei allen Migranten, egal welcher Herkunft sie haben, war dies immer der Fall.

   III. Werden Sie Kommen?

Werden Sie kommen? Werden 3 Millionen Rroma aus Rumänien und Bulgarien die Schweiz „überfallen“? In aller Wahrscheinlichkeit nicht, denn es sprechen sehr viele Argumente dagegen:

Visumpflicht: Die Bulgaren und die Rumäner können seit 2002 ohne Visa nach Westeuropa reisen. Dies bedeutet, dass Rroma dieser Länder bereits vor mehreren Jahren hierher hätten kommen können. Sind sie es? Nein. Es gibt nur wenige die effektiv eingereist sind, weniger als ein paar Hundert, hauptsächlich mit der Absicht schnelles Geld zu verdienen.

Sie sind im eigenem Land zu Hause: Sie haben Häuser in diesen Ländern. Die Rroma bleiben also. Es gibt höchstens ein oder zwei Familienmitglieder die versuchen, eine Arbeit in einer reicheren Gegend Europas zu finden, um ihre Familie zu unterstützen. Ihre Familien leben meisten besser zu Hause, da wo die sind. Sie sind auch, wie wir bereits gesagt haben, stolze Mitglieder ihres Landes. Die Wenigsten würden alles verlassen, um ihr Glück in einem anderen Land zu versuchen.

Diese Länder erleben zurzeit einen wirtschaftlichen Boom. Besonders Rumänien wächst rasant, trotz jetziger Krise. Es gibt mehr Möglichkeiten dort, als es je in Westeuropa geben wird. Man kann es Anhand der Zahlen von Osteuropäer sehen, die nach mehreren Jahren Aufenthalt in England oder Irland, zurück in ihre Heimat fahren.

Die, die kommen konnten, sind nicht gekommen! Ungarn, die Slowakei und Tschechien sind bereits seit mehreren Jahren EU Mitglieder.  Schon viel früher konnten deren Staatsbürger ohne Visa nach Westeuropa einreisen. In diesen drei Ländern leben mehr als 1.5 Millionen Rroma, die nie nach Westuropa ausgewandert sind. Nicht einmal eine Handvoll Rroma aus diesen Ländern sind in die Schweiz eingereist.

Angstmacherei und Rationalität: Es wird oft gesagt, dass mit der Öffnung der Grenzen viele Rroma hierher kommen würden, um Asyl zu beantragen oder zumindest um Sozialhilfe zu bitten. Dass man aus den EU Staaten kein Asyl in der Schweiz verlangen kann, sollte eigentlich allen klar sein. Auch einfach so Sozialhilfe verlangen zu können geht ebenso nicht. Zunächst müsste man gearbeitet und Steuern bezahlt haben. Einreisen und gleich danach Hilfe zu beantragen, entspricht nicht der Realität. Hier wird ganz klar auf Angst gespielt. Aber die eigentliche Angst in den Herzen der Leuten ist nicht, dass ein „Zigeuner“ seine Arbeit nehmen könne ... Schliesslich passt es nicht zum Bild. Nein, die wirkliche Angst um den eigenen Job, dreht sich um die Einwanderer aus der EU, die hochqualifiziert sind, wie Zahnärzte und Ärzte, die Bankers sowie alle diejenigen, die eigentlich in direkter Konkurrenz zu den Schweizern stehen.

Dass es darunter Rroma darunter gibt, kann und ist wohl der Fall. Aber es sind nicht die drei Millionen die man oft zurzeit ankündigt.


[1] Es gab die Juden, die aber seit dem Holocaust und die Gründung von Israel nicht mehr wirklich als Minderheit gelten. Es gibt noch weitere Minderheiten wie die Arumünier (Balkan, Karpatischem Raum), Tattaren (Polen, Belarus), und andere kleinere Minderheiten, die über ein kleineren Raum verteilt sind.

[2] Osmanische Steuerregister aus dem 16. Jahrhundert: 22,000 Rroma Familien, wovon 11 Fahrende. Ungarn: Osmanisch Volkszählung nach der Eroberung: keine Fahrende.

[3] Wieder die Osmanischen Steuerregister, aber auch die Tatsachen in Kosovo vor dem Krieg, in Bulgarien, usw.

[4] Siehe Zahlreiche Quellen. Am besten in „The Rroma“, Schwabe Verlag, 2005.

[5] 1991 Volkszählung in Rumänien.

[6] Kogolnitchan, Michel. Une brève esquisse sur l’histoire, les moeurs et la langue des Cigains. Berlin 1837.

[7] Siehe z. B. Hungarian Minority Self-Government System as a Mean of Increasing Romani Political participation. National Democratic Insitute OSCE/ODIHR.

[8] Siehe http://www.nepszamlalas.hu/eng/volumes/18/tables/load1_30_1.html

[9] Fact Sheets on Hungary, Ministry of Foreign Affairs, 2004. See http://www.mfa.gov.hu/NR/rdonlyres/05DF7A51-99A5-4BFE-B8A5-210344C02B1A/0/Roma_en.pdf

[10] Wie gewisse Rechtsextremen es behaupten.

[11] Die Bezeichnung Neger haben wir in Moskau gesehen. Die meisten Länder haben es abgeschafft, offiziell die Nationalität im Pass anzugeben. Latvia, dagegen, hat diese Bezeichnung, inklusiv „Zigeuner“ immer noch in den Pässen.

[12] In den meisten Ländern, je mehr Kinder, je mehr Sozialleistungen.

[13] Siehe: The Rroma, Schwabe Verlag, 2005.

[14] http://www.wantedinrome.com/news/news.php?id_n=5024

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